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#6 Cannabis Konkret: Cannabis bei Depressionen

#6 Cannabis Konkret: Cannabis bei Depressionen
  • Kann man medizinisches Cannabis gegen Depressionen einsetzen? Die Wissenschaft ist sich noch nicht einig!
  • Viele Menschen berichten von positiven Effekten, Studien konnten aber auch negative Effekte nachweisen
  • Info-Veranstaltung Cannabis Konkret im Juni: Austausch über den Einsatz von medizinischem Cannabis bei Depressionen

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit und betreffen Millionen von Menschen aller Altersgruppen. Die Symptome, die von anhaltender Traurigkeit und Antriebslosigkeit bis hin zu schweren Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen reichen, können das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen. Traditionelle Behandlungsmethoden umfassen meist eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie, allen voran Antidepressiva. Jedoch zeigen viele Patienten nicht die gewünschte Besserung oder leiden unter den Nebenwirkungen konventioneller Antidepressiva.1 In den letzten Jahren hat sich medizinisches Cannabis als potenzielle Alternative oder Ergänzung zu herkömmlichen Therapien herauskristallisiert. Viele Patienten berichten von positiven Eigenschaften, einige Ärzte und Experten warnen jedoch vor der Anwendung, da Cannabis die Depressionen, je nach Ursache, auch verschlimmern kann.

Um die Diskussion weiter voran zu bringen und einen besseren Austausch zwischen Ärzten und Patienten zu ermöglichen, befasst sich die regelmäßig stattfindende Info-Veranstaltung Cannabis Konkret im Juni mit dem Thema und lädt zu einer Vortrags- und Diskussionsrunde in unseren Räumlichkeiten ein.

“Lach doch mal!” – Was bezeichnet man als Depression?

Depressionen sind ernsthafte psychische Erkrankungen, die weit über gelegentliche Traurigkeit oder Stimmungsschwankungen hinausgehen. Sie können sich in einer Vielzahl von Symptomen äußern, die das Denken, Fühlen und Handeln einer Person erheblich beeinträchtigen. Zu den häufigsten Symptomen gehören anhaltende Traurigkeit oder ein Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit, welches einfach nicht verschwinden will. Betroffene verlieren oft das Interesse an Aktivitäten, die ihnen früher Freude bereitet haben, wie Hobbys oder sozialen Interaktionen, beispielsweise Restaurant- oder Konzertbesuche. Dies führt oft zu einer Isolation. Schlafstörungen in Form von Schlaflosigkeit sowie übermäßigem Schlafen sind ebenfalls weit verbreitet, ebenso wie Veränderungen im Appetit, die zu ungewolltem Gewichtsverlust oder -zunahme führen können. Ständige Müdigkeit oder Erschöpfung, auch ohne körperliche Anstrengung, machen den Alltag für Betroffene zusätzlich schwer. Konzentrationsschwierigkeiten und Probleme, Entscheidungen zu treffen, begleiten häufig das Gefühl von Wertlosigkeit oder Schuld, das Betroffene ohne klaren Grund empfinden. In schweren Fällen können wiederkehrende Gedanken an Tod oder Suizid auftreten, die eine dringende medizinische Intervention erfordern. Diese Symptome zeigen: Eine Depression lässt sich von außen nur schwer erkennen und zeigt sich in ganz verschiedenen Formen. Man erkennt daran, wie tiefgreifend und beeinträchtigend Depressionen für Betroffene sowie ihr Umfeld sein können und verdeutlichen die Notwendigkeit einer umfassenden und einfühlsamen Behandlung.

Ein Mann sitzt alleine mit dem Rücken zur Kamera auf einer Bank an einem Strand und schaut auf das Meer hinaus.
Abb 1 Von Depressionen betroffene Personen fühlen sich oft isoliert und einsam und verlieren die Freude am Leben.

Allgemein wird unter einer Depression oft fälschlicherweise einfach nur eine Phase von Traurigkeit oder schlechter Laune verstanden. Viele Menschen sehen Depressionen als eine Schwäche oder als etwas, das man einfach „überwinden“ kann, indem man sich zusammenreißt oder positiv denkt. Sprüche wie “sei halt mal besser drauf!” oder “ja gut, jeder hat mal schwere Zeiten” sind nach wie vor keine Seltenheit und geben Betroffenen oft das Gefühl, weder verstanden noch ernst genommen zu werden. Auch wenn Günter Kastenfrosch es bestimmt nicht böse gemeint hat: Eine “lach doch mal!”-Postkarte hat leider noch keine Depression geheilt! Es gibt außerdem das Vorurteil, dass Betroffene einfach faul sind, sich nicht genug anstrengen oder schlicht überempfindlich sind. Oft wird auch angenommen, dass Depressionen nur durch äußere Umstände wie Liebeskummer oder berufliche Probleme ausgelöst werden und dass sie von allein wieder verschwinden, wenn sich diese Umstände wieder ändern. Solche Missverständnisse können dazu führen, dass die Ernsthaftigkeit der Krankheit unterschätzt wird, Betroffene ihre Erkrankung verschweigen und so nicht die notwendige Unterstützung und Behandlung erhalten.2 3

Depressionen sind bekannt dafür, dass sie typischerweise episodisch verlaufen. Dies bedeutet, dass die Phasen dieser Krankheit zeitlich begrenzt sind und oft auch ohne therapeutische Maßnahmen nachlassen können. Dieser Sachverhalt ist in der medizinischen Literatur gut dokumentiert. Studien, die vor der Einführung von Psychopharmaka durchgeführt wurden, zeigen, dass die durchschnittliche Dauer einer Episode einer “durchschnittlichen” Depression sechs bis acht Monate betrug. Mit effektiver Behandlung kann die Dauer der depressiven Episoden allerdings verkürzt werden. Die geschätzte Dauer liegt dann bei etwa 16 Wochen. Es ist wichtig zu beachten, dass bei etwa 90% der Patient*innen die depressiven Episoden als mittelschwer bis schwer eingestuft wird, was die Notwendigkeit einer gründlichen und effektiven Behandlung unterstreicht.4

Behandlung von Depressionen

Depressionen sind komplexe und ernsthafte psychische Erkrankungen, deren Behandlung auf den Schweregrad und die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten wird. Es existieren eine Reihe von herkömmlichen Ansätzen, deren Wirksamkeit variiert. Ein weit verbreiteter Ansatz ist die Psychotherapie. Hierbei gibt es mehrere Unterformen, die in unterschiedlichen Fällen Anwendung finden. Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zum Beispiel hilft Patienten dabei, negative Denkmuster zu erkennen und zu ändern. Sie hat sich als besonders wirksam bei leichten bis mittelschweren Depressionen herausgestellt. Eine weitere Form der Psychotherapie ist die Interpersonelle Therapie (IPT), welche sich auf zwischenmenschliche Beziehungen konzentriert und dabei hilft, Kommunikationsfähigkeiten und Beziehungsprobleme zu verbessern. Sie zeigt ebenfalls gute Ergebnisse bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Die psychodynamische Therapie hingegen untersucht die zugrunde liegenden emotionalen Konflikte und kann bei manchen Patienten hilfreich sein. Insgesamt hat sich Psychotherapie als wirksam erwiesen, insbesondere bei leichten bis mittelschweren Depressionen, und viele Patienten verzeichnen eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome.5

Ein Mann läuft auf der Treppe aus einem dunklen U-Bahnschacht nach oben.
Abb 2 In der Verhaltenstherapie lernen Betroffene, aus den typischen Mustern einer Depression zu entkommen.

Ein weiterer zentraler Baustein in der Behandlung von Depressionen ist die medikamentöse Therapie. Hierbei kommen meist Antidepressiva zum Einsatz. Diese Medikamente helfen, chemische Ungleichgewichte im Gehirn zu korrigieren. Es gibt verschiedene Klassen von Antidepressiva. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) zum Beispiel, wie Fluoxetin und Sertralin, werden häufig verschrieben. Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs) wie Venlafaxin oder Duloxetin sind eine weitere Option. Trizyklische Antidepressiva (TCAs) sind eine ältere Klasse von Medikamenten und schließen beispielsweise Amitriptylin ein. Monoaminoxidase-Hemmer (MAOIs) wie Phenelzin werden eher selten verwendet, da sie Nebenwirkungen haben können. Antidepressiva sind besonders wirksam bei mittelschweren bis schweren Depressionen, benötigen allerdings oft einige Wochen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Wirksamkeit kann von Person zu Person variieren, und manchmal sind Anpassungen der Dosierung oder ein Wechsel des Medikaments notwendig.

Die Kombinationstherapie aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie kann besonders bei mittelschweren bis schweren Depressionen effektiv sein. Diese multimodale Herangehensweise zielt darauf ab, sowohl die psychischen als auch die biologischen Aspekte der Depression zu behandeln. Sie hat sich als sehr wirksam erwiesen, da sie die Vorteile beider Ansätze nutzt und eine umfassendere Behandlung bietet.

Zusätzlich zur Psychotherapie und medikamentösen Behandlung können auch Lifestyle-Änderungen und Selbsthilfe einen wichtigen Beitrag zur Behandlung von Depressionen leisten. Hierzu gehören regelmäßige Bewegung, eine gesunde Ernährung, eine gute Schlafhygiene und Strategien zur Stressbewältigung, wie Meditation, Yoga und Achtsamkeitstraining. Diese Maßnahmen können unterstützend wirken und sind besonders bei leichten Depressionen und zur Vorbeugung von Rückfällen nützlich.

Darüber hinaus gibt es alternative und ergänzende Therapien. Die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) wird bei schweren, therapieresistenten Depressionen eingesetzt. Sie kann schnell wirken, ist aber oft ein letzter Ausweg. Die Transkranielle Magnetstimulation (TMS) ist eine neuere, nicht-invasive Methode zur Stimulation bestimmter Hirnareale und kann bei bestimmten Patienten wirksam sein. EKT und TMS können bei schweren und therapieresistenten Fällen sehr wirksam sein, obwohl sie weniger häufig als Erstlinienbehandlungen eingesetzt werden.

Die Behandlung von Depressionen variiert auch in Abhängigkeit vom Schweregrad der Erkrankung. Leichte Depressionen werden oft primär durch Psychotherapie und Lifestyle-Änderungen behandelt. Bei mittelschweren Depressionen ist eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie häufig. Schwere Depressionen werden meist durch eine Kombination aus intensiver medikamentöser Therapie, Psychotherapie und manchmal auch EKT oder TMS behandelt.6

Die Wirksamkeit der Behandlung von Depressionen variiert, aber viele Patienten erleben eine signifikante Verbesserung ihrer Symptome. Die genaue Erfolgsrate hängt von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich der Schwere der Depression, der individuellen Reaktion auf die Behandlung und der Unterstützung durch das soziale Umfeld. Daher ist es wichtig, die Behandlung individuell anzupassen und kontinuierlich zu überwachen, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.

Cannabis bei Depressionen? Aufpassen!

Die Rolle von medizinischem Cannabis bei Depressionen ist ein komplexes Thema, welches aktuell noch sehr intensiv in der Medizin und Wissenschaft diskutiert wird. Es gibt Anzeichen dafür, dass Cannabis sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben kann. Einerseits berichten viele Menschen, dass der Konsum von Cannabis ihre Stimmung kurzfristig verbessert und zu einem Gefühl der Entspannung führt. Dies ist besonders bei Sorten mit hohem THC-Gehalt der Fall, die für ihre euphorisierende Wirkung bekannt sind. Darüber hinaus kann Cannabis dazu beitragen, körperliche Schmerzen zu lindern und Entspannung zu fördern, was indirekt zu einer Verbesserung der Lebensqualität und möglicherweise auch der Stimmung führen kann. Fakt ist, dass Depressionen auch beispielsweise durch chronische Schmerzen ausgelöst werden können. Hier kann Cannabis beispielsweise sinnvoll sein, um quasi die Entstehung einer Depression zu verhindern, indem es gegen die Schmerzen eingesetzt wird.

Andererseits gibt es aber auch Hinweise darauf, dass regelmäßiger oder intensiver Cannabis-Konsum die Symptome von Depressionen verschlimmern kann. Insbesondere Menschen, die für psychische Störungen anfällig sind, könnten durch den Konsum von Cannabis ein erhöhtes Risiko haben, ihre Depressionen zu verstärken. Langfristiger Konsum von Cannabis kann zudem zu Abhängigkeit und Motivationsverlust führen, was sich negativ auf die psychische Gesundheit und das tägliche Leben auswirken kann. In seltenen Fällen kann der Konsum von THC-reichem Cannabis sogar psychotische Symptome auslösen, insbesondere bei Menschen mit einer genetischen Prädisposition für solche Störungen.

Eine Frau im Profil zieht intensiv an einem Joint, ihr Gesicht ist vor lauter Rauch kaum zu erkennen.
Abb 3 Der Konsum von Cannabis kann die Stimmung zwar kurzzeitig anheben, jedoch sollte man Cannabis deshalb nicht als Antidepressivum einsetzen!

Zusätzlich zu den oben genannten Punkten gibt es immer mehr Hinweise auf das gleichzeitige Auftreten von Cannabiskonsum und Depressionen. Beobachtungs- und epidemiologische Studien zeigen, dass der Cannabiskonsum keinen positiven Langzeiteffekt auf den Verlauf und das Ergebnis einer Depression hat. Es wird sogar angenommen, dass Depressionen den Beginn oder die Zunahme des Cannabiskonsums verursachen können. Der Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Depression könnte bei Männern im Jugend- und jungen Erwachsenenalter sowie bei Frauen im mittleren Alter stärker sein. Es gibt auch Hinweise auf eine genetische Korrelation, die zur Komorbidität von Cannabisabhängigkeit und schwerer Depression beiträgt, möglicherweise vermittelt durch Serotonin. Trotz präklinischer Hinweise auf eine mögliche positive Wirkung von Veränderungen im Endocannabinoidsystem auf Patienten mit Depressionen, befindet sich die Untersuchung der Verwendung von Cannabis als Antidepressivum noch in einem frühen Stadium und es gibt kaum Belege dafür.7

Eine 2013 durchgeführte Studie kam hingegen zu einem recht klaren Ergebnis: “Cannabiskonsum, insbesondere starker Cannabiskonsum, kann mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung depressiver Störungen verbunden sein.” Hierfür wurden insgesamt 14 Artikel über das Thema ausgewertet. Trotzdem wird auch hier darauf hingewiesen, dass noch weiter Studien notwendig sind, um die Behauptung besser zu belegen.8

Augen auf bei den Studien!

Zu den Keywords “Medizinisches Cannabis” und “Depressionen” findet man tatsächlich einige Studien. Bei genauerem Hinschauen sieht man aber schnell: Eine angemessene Teilnehmerzahl oder eine Kontroll- oder Placebogruppe, die die Studien erst wirklich aussagekräftig machen, fehlen leider oft. Teils spiegeln sich möglicherweise auch wirtschaftliche oder marketingtechnische Interessen wieder, beispielsweise wenn Telemedizin-Dienstleister ihre Patienten befragen und dies als Studie herausbringen. Wenig überraschend war ein Großteil der Befragten sehr angetan von der Wirkung des (in den meisten Fällen privat gezahlten…) Arzneimittels.

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